Der Himmel über Bulgarien
Kumova slama: die Milchstraße in der bulgarischen Volkstradition
Kumova slama („das Stroh des Paten“) ist der bekannteste bulgarische Volksname für die Milchstraße. Die Legende vom gestohlenen Stroh lehrt, dass man seinen Paten nicht bestiehlt. Die Astronomie zeigt uns die Scheibe unserer eigenen Galaxie, von innen gesehen.
Ein blasses Band am Nachthimmel
In einer klaren Nacht, weit weg vom Licht der Städte, siehst du ein schwaches, dunstiges Band, das den Himmel überquert. Die bulgarische Volkstradition nennt es Kumova slama („das Stroh des Paten“). Hinter dem Namen steckt eine kurze Geschichte mit einer klaren Moral. Die Wissenschaft weiß heute, dass dieses Band Teil unserer eigenen Galaxie ist. Beide Sichtweisen widersprechen sich nicht, denn sie beantworten unterschiedliche Fragen: Die eine erzählt, was der Himmel den Menschen bedeutete, die andere, woraus er besteht.
Die Legende von Kumova slama
Die Legende wurde in mehreren Varianten aufgezeichnet. In der verbreitetsten gab es in einem bitterkalten Winter kein Futter für das Vieh. Ein Patensohn (kumets) ging nachts zu seinem Paten (kum) und füllte einen Korb mit Stroh. Der Korb hatte jedoch keinen Boden, und das Stroh fiel unterwegs heraus. Am Morgen folgte der Pate der Spur bis zum Haus seines Patensohns. In der Nacherzählung von Angel Bonov in „Mitove i legendi za sazvezdiyata“ („Mythen und Legenden der Sternbilder“) wünscht der Pate, dass das gestohlene Stroh Feuer fangen und nie erlöschen möge, damit die Menschen sich daran erinnern, dass man einen Paten nicht bestiehlt. In der Darstellung der Sterntraditionen des Bulgarischen Nationalradios verlässt der Patensohn an einem Winterabend mit einem Korb voll Stroh das Haus seines Paten.
Zwei Dinge sind bemerkenswert. Das eine ist der moralische Rahmen: Die Lehre lautet, dass es eine große Sünde ist, den Paten zu bestehlen (nach Iv. Georgieva, „Balgarska mitologia“). Das andere ist das Bild des Himmels selbst. Die Menschen lasen das verstreute Stroh als eine Spur, die dauerhaft am Himmel zurückblieb.
Namen und Varianten
Ivanichka Georgieva nennt in ihrem Buch über bulgarische Mythologie („Balgarska mitologia“) neben Kumova slama mehrere weitere Namen für die Milchstraße: popova slama („das Stroh des Priesters“), slamata („das Stroh“) und pato. Zu den lokalen Namen, die im „Wörterbuch der geistigen Volkskultur der Bulgaren“ (BAS, 2018) verzeichnet sind, gehören außerdem Krastnikova slama („das Stroh des Paten“), Starvoy slama, Kalitatova slama, Patikata („der kleine Pfad“) und der Pfad der Sünder. Sie verzeichnet auch eine ähnliche Erzählung von einem Priester, der dem Großvater Gott Stroh stahl, dessen Körbe aber keinen Boden hatten und es verloren. In Einzelfällen wird die Milchstraße damit erklärt, dass sie aus der Milch des Mondes und der Sterne entstanden sei. Andere Volksnamen, die wir nicht mit einer überprüfbaren Quelle belegen können, lassen wir bewusst weg.
Verwandte Vorstellungen bei anderen Völkern
Laut derselben Quelle findet sich das Bild der Milchstraße als Stroh bei Persern und Türken. Für die Griechen ist sie die Milch der Großen Mutter, und bei den slawischen Völkern ist die Milchstraße der Weg der Toten. Der griechische Mythos von Heras Milch ist bekannt und steht hinter dem Wort „Galaxie“ selbst. So hat ein und dasselbe blasse Band verschiedene Vorstellungen inspiriert: Nahrung, einen Weg, Stroh, die Spur einer Tat.
Was die Milchstraße astronomisch ist
Laut NASA heißt unsere Heimatgalaxie Milchstraße. Sie ist eine Spiralgalaxie mit einer Sternenscheibe von mehr als 100.000 Lichtjahren Durchmesser. Ein Lichtjahr ist die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt. Die Erde liegt an einem der Spiralarme, etwa auf halbem Weg vom Zentrum nach außen. Von unserem Standpunkt aus sieht die Galaxie wie ein schwaches, milchiges Band aus, das sich über den ganzen Himmel spannt, und so kam sie zu ihrem Namen. Wir sehen die zentrale Scheibe der Galaxie von der Kante.
NASA weist außerdem darauf hin, dass das Sonnensystem etwa 240 Millionen Jahre für einen Umlauf um die Milchstraße braucht. Die Bildungsseiten „Imagine the Universe“ der NASA nennen eine Schätzung von etwa 100 Milliarden Sternen. Alle Sterne, die wir mit bloßem Auge sehen, gehören dazu. Das Band wirkt dunstig, weil das Licht unzähliger ferner Sterne verschmilzt. Die dunklen Stellen darin sind Gas- und Staubwolken, die das Licht dahinter abschirmen.
Die Galaxie ist eine Balkenspirale. Von der ganzen Milchstraße haben wir kein Bild, weil wir uns in ihr befinden. Ihre Form wird aus Beobachtungen des Bandes und aus anderen Messungen erschlossen.
So findest du sie
Du brauchst einen dunklen Himmel und etwas Geduld. Lichtverschmutzung löscht das Band aus, selbst wenn helle Sterne noch sichtbar sind. Such dir also einen Ort in einem Dorf, in den Bergen oder am Meer, fern von Lampen. Gib deinen Augen ein paar Minuten, um sich anzupassen. Lies dazu auch unseren Leitfaden wie du den Himmel beobachtest und den Artikel über Lichtverschmutzung. Einen allgemeinen Blick auf die Galaxie findest du unter die Milchstraße. In Volksnamen der Sterne siehst du, wie die Bulgaren andere Himmelsobjekte benannten, und in Vlashici, wie sie die Plejaden nannten.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Tradition und Wissenschaft sind keine Gegner. Die Tradition zeigt, wie unsere Vorfahren den Himmel zu einer Lektion über Fairness und Gewissen machten. Die Astronomie zeigt, wie gewaltig das ist, was sie da betrachteten. Wenn du eines Abends unter Kumova slama stehst, kannst du beides im Sinn behalten: die kleine menschliche Geschichte und die riesige Spirale, in der wir leben. Den Unterschied zwischen Wissenschaft und Tradition erklärt auch Astronomie vs. Astrologie.
Fragen und Antworten
Was ist Kumova slama?
Es ist der bulgarische Volksname für die Milchstraße („das Stroh des Paten“). Er stammt aus einer Legende über Stroh, das einem Paten gestohlen wurde und dessen Spur als blasses Band am Himmel blieb.
Gibt es weitere Volksnamen für die Milchstraße?
Laut Ivanichka Georgieva gehören dazu popova slama („das Stroh des Priesters“), slamata („das Stroh“) und pato.
Was ist die Milchstraße astronomisch?
Sie ist unsere Galaxie. Das Band, das wir sehen, ist ihre Scheibe, von innen und von der Kante aus betrachtet. Laut NASA ist sie eine Spiralgalaxie mit mehr als 100.000 Lichtjahren Durchmesser.
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- Българско национално радио – Радио България, „Звездите – Традиции“
- Ангел Бонов, „Митове и легенди за съзвездията“ – глава „Млечният път“ (публикувано в Моята библиотека)
- Иваничка Георгиева, „Българска митология“ (откъс в PDF; годината не е посочена в отворения файл)
- NASA Science, „Galaxies“
- NASA Goddard, „Imagine the Universe – The Milky Way Galaxy“
- Уикипедия, „Млечен път“ (като допълнение)
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